Uniformen, neue Bekanntschaften und starke Eindrücke – Erasmus+ in Kłodzko

Schuluniformen sind das Thema unzähliger Deutschaufsätze. Sobald sie auftauchen, entstehen die schönsten Horrorszenarien: Gleichmacherei, militärischer Drill und Jugendliche, deren Persönlichkeit offenbar schon beim Schließen der Jacke verschwindet. Große Worte, starke Metaphern – meistens allerdings ohne eine Schule mit Uniformen jemals von innen gesehen zu haben.

Wir haben es nun erlebt: Uniformen, Klassenappell vor dem Schulleiter, Nationalfahnen im Schulgebäude und klare Regeln. Und was sollen wir sagen? Es war richtig stark!

Vom 7. bis zum 11. September 2026 besuchten 13 Auszubildende aus den Bereichen Lagerlogistik und Metalltechnik gemeinsam mit zwei Lehrkräften der BbS I WEMA die Zespół Szkół Technicznych in Kłodzko. Ziel der Erasmus+-Reise war es, die berufliche Bildung in Polen kennenzulernen und gemeinsam mit polnischen Jugendlichen zu lernen, zu arbeiten und die Region zu erkunden.

Uniformen mit Sinn

Die ZST bietet unter anderem Bildungsgänge in den Bereichen Logistik, Spedition, Bauwesen, erneuerbare Energien und Laboranalytik an. Neben zivilen Klassen gibt es einen Logistikbildungsgang mit militärischer Vorbereitung. Im Speditionsbereich besteht außerdem ein Profil für Polizei und Grenzschutz.

Die Uniformen sind also keine Verkleidung, sondern gehören zu einem gewählten Ausbildungsweg. Die Jugendlichen erhalten zusätzliche Einblicke in spätere Berufsfelder und können sich Vorteile für eine militärische Laufbahn oder ein entsprechendes Studium erarbeiten. Gleichzeitig erwerben sie eine vollwertige berufliche Qualifikation, die auch in zivilen Unternehmen stark gefragt ist. Wie schrecklich 😉

Beeindruckt hat uns außerdem, wie viel Verantwortung die Schüler übernehmen. Die Klassensprecher überprüfen die Anwesenheit und melden sie an die Lehrkräfte weiter. Struktur bedeutet hier nicht, dass niemand selbst denken darf. Im Gegenteil: Den Jugendlichen wird sichtbar etwas zugetraut.

Ankommen zwischen Festung und Altstadt

Nach einer langen Zugfahrt erreichten wir am Montag Kłodzko. Über der historischen Stadt thronte die Festung, darunter lagen prächtige Häuser aus dem Mittelalter und enge Altstadtgassen. Nach dem Einchecken blieb niemand lange im Zimmer. Die ersten Złoty wurden ausgegeben, Żurek und Pierogi probiert und kleinere Sprachprobleme mit Englisch, Händen, Füßen und einem Lächeln gelöst.

Damit war die erste Erkenntnis der Reise bereits gefunden: Man muss eine Sprache nicht perfekt beherrschen, um miteinander klarzukommen. Man sollte nur mutig genug sein, den ersten Satz zu versuchen – oder zumindest auf das richtige Gericht zu zeigen.

Ein Schultag, der in Erinnerung bleibt

Am Dienstag wurden wir vor der ZST herzlich von zwei Schülern in Uniform empfangen und zu Frau Markowska und Frau Zambrzycka gebracht, die für uns schon einen großen Raum mit vielen kleinen Naschereien vorbereitet hatten. Besonders eindrucksvoll war der gemeinsame Morgenappell der Logistiker: Die Klassen standen geordnet vor dem Schulleiter, die Klassensprecher meldeten ihre Anwesenheit und alle hörten aufmerksam zu. Was von außen vielleicht streng wirken könnte, strahlte vor Ort vor allem Ruhe, Verbindlichkeit und Zusammengehörigkeit aus. Unsere Schüler waren davon nicht eingeschüchtert, sondern sichtlich beeindruckt. Der Schulleiter Rafał Olecha begrüßte unsere Gruppe persönlich und vermittelte uns von Beginn an das Gefühl, an seiner Schule wirklich willkommen zu sein.

Anschließend wurden deutsch-polnische Gruppen gebildet. Die Gastgeber zeigten uns ihre Schule, erklärten ihren Schulalltag und beantworteten geduldig unsere Fragen. Spätestens beim gemeinsamen Tischtennisspiel waren die ersten Berührungsängste verschwunden.

Wieder im Raum angekommen, gab es zunächst ein paar Vorträge. Danach arbeiteten die Gruppen an Plakaten. Die Klasse 4H hatte außerdem in einem Labor interessante Experimente mit Feuer vorbereitet. /Und an die Angsthasen: Nein, niemand sich verbrannt.

Die Verständigung funktionierte überraschend gut. Einige polnische Schüler sprachen hervorragend Englisch oder sogar fließend Deutsch. Fehlte trotzdem ein Wort, wurde erklärt, gezeigt oder gelacht. Das war Erasmus+ in seiner besten Form: Jugendliche, die gemeinsam etwas machen und dabei feststellen, dass die anderen gar nicht so verschieden sind.

Organisiert wurde unser Besuch vor allem von Aneta Markowska. Sie plante das Programm, koordinierte die gemeinsamen Aktivitäten und sorgte dafür, dass aus unseren Ideen eine abwechslungsreiche Begegnungswoche wurde. Unterstützt wurde sie dabei von Kazimiera Zambrzycka, der ehemaligen Deutschlehrerin der ZST. Obwohl sie bereits seit vier Jahren im Ruhestand ist, kehrte sie für unseren Besuch noch einmal an ihre Schule zurück. Sie begleitete uns durch die Woche, übersetzte, erklärte und half überall dort, wo sprachlich oder praktisch Unterstützung gebraucht wurde. Dieser Einsatz war alles andere als selbstverständlich und hat uns sehr beeindruckt.

Nach dem offiziellen Programm ging es gemeinsam weiter durch die Stadt. Polnische Schüler begleiteten unsere Gruppe, zeigten uns gute Restaurants und verbrachten den Nachmittag mit ihren deutschen Gästen. Aus einem geplanten Schulbesuch wurde so eine echte Begegnung. Auch die lokale Presse berichtete über den Austausch.

Festung, Hubschrauber und Stadtrallye

Am Mittwoch erkundeten wir gemeinsam die Festung Kłodzko. Enge Tunnel, alte Kanonen und die früheren Unterkünfte der Soldaten machten deutlich, dass das Leben dort früher weniger gemütlich gewesen sein dürfte als in unserer Unterkunft.

Für den passenden Soundtrack sorgte ausgerechnet die polnische Armee: Während unseres Besuchs fand über der Festung eine Hubschrauberübung statt. Geschichte zum Anschauen war damit vorbei – nun konnte man sie auch hören und spüren.

Anschließend starteten deutsch-polnische Teams zu einer Stadtrallye. Sie suchten Sehenswürdigkeiten, beantworteten Fragen und versuchten, sich in den kleinen Gassen nicht zu verlaufen. Dabei waren Orientierung, Zusammenarbeit und gelegentlich eine freundliche Handbewegung gefragt. Zum Abschluss gab es Kaffee und Kuchen. Pädagogische Programme dürfen schließlich auch schmecken.

Gemeinsam Breslau entdecken

Der Donnerstag führte uns nach Breslau. Bei einem digitalen Actionbound erkundeten die Gruppen die Innenstadt, den Marktplatz und zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Natürlich begegneten uns dabei auch die berühmten Breslauer Zwerge, die offenbar an jeder Ecke stehen und wahrscheinlich besser über die Stadt informiert sind als mancher Reiseführer.

Danach blieb Zeit für die Markthalle, Cafés, das Einkaufszentrum, einen Kinobesuch, Kartenspiele und eine Arcade-Halle. Gerade in diesen freien Stunden entstanden viele gute Gespräche. Beim gemeinsamen Essen und Erkunden zeigte sich, wie schnell aus zunächst fremden Jugendlichen eine Gruppe werden kann.

Abschied mit Bahnbonus

Am Freitag begann die Rückreise über Breslau und Leipzig. Unser Anschlusszug hatte rund 80 Minuten Verspätung. Als inzwischen erfahrene Bahnreisende nahmen wir es sportlich, besorgten Essen und Souvenirs und machten ein letztes Gruppenfoto.

Im ICE probierten einige Schüler kurz aus, ob Erasmus+ vielleicht auch ein kostenloses Upgrade in die erste Klasse beinhaltet. Die Antwort lautete freundlich, aber eindeutig: nein.

Was bleibt?

Wir nehmen mehr mit nach Hause als Fotos und Souvenirs. Die ZST hat uns neue Perspektiven auf Schule gezeigt: klare Strukturen, sichtbare Zugehörigkeit und Verantwortung, die tatsächlich an Schüler übertragen wird. Die Uniformen haben niemanden unterdrückt. Hinter ihnen steckten ganz unterschiedliche Jugendliche mit eigenen Meinungen, Interessen und Plänen.

Vor allem aber wurden aus Gästen und Gastgebern innerhalb weniger Tage Menschen, die gemeinsam arbeiteten, redeten und viel lachten.

Unser besonderer Dank gilt Schulleiter Rafał Olecha für den herzlichen Empfang und das große Interesse an unserer Partnerschaft. Wir danken ganz besonders Aneta Markowska, die unseren Besuch mit großem Einsatz organisiert und möglich gemacht hat. Ebenso herzlich danken wir Kazimiera Zambrzycka, die trotz ihres Ruhestands zurückkehrte, um unsere Gruppe zu unterstützen und durch die Woche zu begleiten.

Unser Dank gilt außerdem der Klasse 4H, allen beteiligten Lehrkräften und natürlich den polnischen Schülern, die uns ihre Schule, ihre Stadt und ein Stück ihres Alltags gezeigt haben.

Wir haben uns in Kłodzko nicht nur willkommen, sondern als Teil einer gemeinsamen Gruppe gefühlt. Deshalb hoffen wir sehr, dass aus dieser Begegnung eine dauerhafte Partnerschaft entsteht – und dass wir unsere polnischen Freunde bald in Aschersleben begrüßen dürfen. Uniformen sind dabei nicht vorgeschrieben. Gastfreundschaft allerdings schon.

 

 

 

 

 

 

 

Categories: News, Schulfahrten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert